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Impressionen vom Kindersommer

Reise nach Weißrussland und in die Ukraine vom 18. Mai bis 8. Juni 2007

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Auch für die zweite Reise nach Weißrussland wählen wir wieder den Weg über Kiew. Der Kauf der Bahnkarten in Kiew verläuft dieses Mal problemlos, da wir schon wissen, dass wir in Korosten umsteigen und erst am nächsten Morgen nach Elsk weiter fahren können.

Gegen 21:30 Uhr kommen wir in Korosten an. Doch statt wie bei der ersten Reise im Wartesaal, verbringen wir die Nacht in der Luxussuite im Bahnhof. Wir haben nicht nur ein schönes Schlafzimmer, sondern auch ein Wohnzimmer, ein Badezimmer und sogar ein Bügelzimmer. Und vor der Tür wacht die ganze Nacht eine Bahnangestellte in Uniform. So können wir am nächsten Morgen um halb sieben Uhr ausgeruht die Weiterreise nach Elsk antreten.

Im Zug kommt wieder eine Frau auf uns zu und fragt, ob wir für sie etwas über die Grenze mitnehmen können. Doch nicht zwei Liter Wodka, sondern 50 Kilogramm Weißkraut sind dieses Mal unser „Schmuggelgut”. Pass- und Zollformalitäten verlaufen erneut unproblematisch, und pünktlich gegen halb zehn Uhr am Morgen erreichen wir Elsk.

In Elsk wohnen wir wieder bei den Familien unserer Gastkinder. Neu ist, dass wir uns in Elsk registrieren lassen müssen. Dafür sind zunächst eine Gebühr zu bezahlen und mehrere Formulare auszufüllen. Gut, dass uns Ruslan und Sergej dabei helfen! Unsere Reisekrankenversicherung wird nicht akzeptiert und wir müssen vor Ort noch eine Versicherung abschließen. Da das Versicherungsbüro erst am nächsten Tag geöffnet hat, an diesem Tag aber die Registrierungsstelle geschlossen ist, dauert es drei Tage, bis unsere Registrierung endlich abgeschlossen ist. Doch das bleibt der einzig negative Eindruck von Elsk.

Wir haben den Termin für die Reise so gewählt, dass wir den letzen Schultag miterleben können. Dieser Tag, so hat uns Swetlana erzählt, ist ein ganz besonderer Tag. Und sie hat Recht. Alle gehen in ihren besten Kleidern zur Schule. Dort steht eine Delegation der Pioniere (Jugendorganisation) mit der Landesflagge und die örtlichen Honoratioren - vom Schuldirektor bis zum Polizeichef - halten Ansprachen. Dazwischen gibt es immer wieder Musik und Preisverleihungen an besonders gute Schüler. Auch die besten Lehrer werden von ihren Schülern ausgezeichnet. Swetlana erhält die Auszeichnung „pünktlichste Lehrerin”. Ganz zum Schluss nimmt dann einer der Schulabgänger eine der Erstklässlerinnen auf die Schulter und diese läutet das „Paslidnie Swanok” (Letztes Schulläuten).

Anschließend machen wir einen Spaziergang durch die Stadt und treffen im Stadtpark die Gruppe der Schulabgänger wieder. Sie feiern dort mit Quas (Malzgetränk) ihre Abschlussparty. Zu einem großen Abschlussfest fehlt ihnen das nötige Geld. Auch wir kaufen uns ein Quas, welches aus einem großen, gelben Fass gezapft wird und herrlich erfrischend ist. Da es jeden Tag über 40 Grad heiß wird, kommen wir noch oft an diesem Fass vorbei. Bald kennt uns die Verkäuferin schon gut. Sie steht gar nicht mehr auf, wenn wir kommen, und lässt mich selbst das Getränk zapfen.

Auch zu Larissa nach Mozyr machen wir einen Ausflug. Wir besichtigen das Schulinternat, an dem sie arbeitet und trinken mit dem sehr redegewandten Direktor Tee. Er nennt uns die drei Ziele seiner Schule für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen: Liebe geben, Sozialverhalten lernen, Wissen vermitteln - in dieser Reihenfolge. Die Gebäude sind sehr heruntergekommen. Es fehlt an vielen Dingen. Die Kinder leben zu fünft in kleinen Zimmern, die außer für Betten, Nachttische, Tisch und Stühle keinen Platz bieten. Außer Tischen und Stühlen hat auch der Aufenthaltsraum den Kindern nichts zu bieten. Es fehlen vor allem Spielsachen. Für uns ist das schon etwas bedrückend! Nach dem Mittagessen zusammen mit Larissa und Otto auf einem Restaurantschiff auf dem Pripjat fahren wir wieder zurück nach Elsk.

Wir haben von Frau Schaepe den Auftrag, ihre Ansprechpartnerin in Minsk zu besuchen und herauszufinden, ob man dort nicht günstiger als in Deutschland Busse chartern kann. Mit dem Auto machen wir uns frühmorgens auf den langen Weg. Mit der Frau haben wir uns am Partisanendenkmal in Minsk verabredet. Sie will uns gleich zum Frühstück einladen und uns die Stadt zeigen. Doch wir wollen erst unseren Auftrag erledigen. Wir fahren also in ihr Büro und stellen bald fest, dass dies gar nicht ihr Büro ist. Auch sonst macht die Frau keinen seriösen Eindruck auf uns. Die Verhandlungen ziehen sich hin. Bis zum Abend haben wir mehrere Busunternehmer kennen gelernt. Mit dem Vertrauenswürdigsten von ihnen vereinbaren wir die Konditionen für die Busreise der Kinder. Der Vertrag wird direkt nach Deutschland geschickt und - wie sich später herausstellt - auch weitgehend eingehalten. Außer während einem kurzen Spaziergang am Fluss und der Fahrt durch die Stadt haben wir nichts von Minsk gesehen. Aber wenigstens hat Frau Schaepe dadurch Kosten sparen können.

Die Tage in Elsk haben noch einige Überraschungen für uns parat.

An einem Tag ist Bezirksmusikfest und Gruppen aus dem ganzen Gebiet Gomel kommen nach Elsk. Neben Volksmusik wird auch klassische und moderne Musik vorgetragen. Für uns ungewöhnlich sind die vielen Landesflaggen, die von den Besuchern geschwenkt werden, und das geringe Angebot an Speisen und Getränken. Außer Zuckerwatte und Quas wird nichts angeboten. Uns beeindrucken die schönen Trachten. Die Musik und die Lieder gefallen uns.

Einmal laden uns die Familien unser Gastkinder zum Schaschlik ein. Wir gehen auf den örtlichen Grillplatz, der etwa zweihundert Meter von einem Schild entfernt ist, dass auf die radioaktive Belastung der Umwelt hinweist. Was für uns erstaunlich ist, bemerken unsere Gastgeber gar nicht mehr. Varjas Großvater hat am Morgen einen 16 Kilogramm schweren Som (Wels) geangelt. Also gibt es erst einmal Fischsuppe. Dann folgen belegte Brote und über dem Lagerfeuer geräucherter Speck, der herrlich schmeckt. Und ganz zum Schluss noch das Schaschlik. Gut, dass der selbst gebrannte Wodka bei der Verdauung hilft.

Jede Familie in Elsk hat selbst gebrannten Wodka zu Hause. Die Herstellung ist jedoch ein absolutes Geheimnis - zumindest für Ortsfremde. Da ich beim Picknick mit einem der Honoratioren von Elsk viel Wodka trinke und dessen Qualität lobe, verspricht er mir zu vorgerückter Stunde, uns eine Schwarzbrennerei zu zeigen. Am nächsten Nachmittag holt er uns ab. Nach langer Fahrt und zweimaligem Fahrzeugwechsel kommen wir mitten im Wald bei der „Wodkafabrik” an. Mit schlichten Mitteln wird dort guter Wodka hergestellt. Wir dürfen alles anschauen und auch probieren. Zum Abschied bekommen wir noch eine Flasche frisch vom Fass abgefüllten Wodka mit auf den Weg. Aus Gründen der Geheimhaltung muss ich meinem Begleiter versprechen, weder seine Person in diesem Bericht zu nennen, noch Bilder von den Mitarbeitern zu veröffentlichen.

Zweimal besuchen wir das Restaurant in Elsk. Immer sind wir die einzigen Gäste, obwohl das Essen gut und (für uns) auch nicht teuer ist. Auch in die Diskothek haben wir einen Blick geworfen. Es spielt dort eine Band, die mehr Mitglieder hat, als Besucher in der Diskothek sind. Der Eintrittspreis von rund einem Euro ist für die Jugend in Elsk eben sehr teuer.

Der jüdische Friedhof, das örtliche Elektrizitätswerk und das neue Tschernobyl-Denkmal sind weitere Besuchspunkte. Im örtlichen Museum geben wir ein Bild von David Krugmann ab. Der in Elsk geborene Maler lebt heute in Fürth und unterstützt Frau Schaepe immer wieder mit Bilderspenden. Zum Dank führt uns die Direktorin selbst durch ihr Museum. Die Besichtigung des Kindergartens mit einer extra für uns organisierten Tanzvorführung bleibt uns als tolles Erlebnis in Erinnerung.

Gut gefällt uns auch der Besuch eines künstlichen Sees auf dem Gelände einer Kolchose in der Nähe von Elsk. Der See, der ihn umgebende Birkenwald und die ganz aus Holz gebauten Häuschen wirken vor allem in der Abenddämmerung sehr romantisch.

Immer wieder treffen wir Kinder, die schon in Deutschland zu Besuch waren. Einige von Ihnen besuchen wir auch zu Hause und können uns davon überzeugen, dass sie aus Familien kommen, die keinen Erholungsurlaub für die Kinder finanzieren können.

In zehn Tagen haben wir Elsk, seine Umgebung und viele seiner Bewohner gut kennen gelernt. Der Abschied fällt uns schwer. Nur gut, dass man morgens um zwei Uhr am Bahnhof keine Tränen sieht.

Nach einer weiteren Woche in Kiew kommen wir, mit vielen guten Erinnerungen an Elsk und unsere Freunde dort, gut wieder zu Hause an.

Margit und Michael Guggenmos
Nüssleinweg 3a
90455 Nürnberg
Tel.: 09129-3352

Reisekosten nach Weißrussland:

  • Visum für Weißrussland: 65,00 € plus 10 € für postalische Bearbeitung
  • Flug mit KLM von Nürnberg nach Kiew und zurück: ab 200,00 €
  • Bus vom Flughafen zum Bahnhof in Kiew: ca. 3,50 €
  • Bahnfahrt Kiew-Korosten-Elsk-Kiew im Vier-Personen-Abteil: ca. 20,00 €
  • Luxussuite im Bahnhof Korosten: ca. 15 € je Nacht
  • Registrierung in Elsk: ca. 6 €
  • Krankenversicherung: 1 US$ je Tag